Mehr Risiko?

Bürger stellten Fragen zur Rückholung

Wieso ist nach zwei Jahren Vorbereitung immer noch keine Kammer angebohrt? Glauben die Verantwortlichen überhaupt noch selbst an die Rückholung? Und wie geht es jetzt weiter?

Die Rückholung des Atommülls aus der Asse wirft immer wieder Fragen auf. Am 9. Januar hatten interessierte Bürger aus Wolfenbüttel und Umgebung die Gelegenheit, die Fragen zu stellen, die ihnen am meisten auf der Seele brannten. Experten, Politiker und Betreiber standen bei der von der Asse-2-Begleitgruppe organisierten Veranstaltung in der Lindenhalle Rede und Antwort. Es konnten zwar nicht alle Fragen geklärt werden, aber die weit über 300 Besucher bekamen doch etliche wertvolle Antworten.

Es sei jetzt absolut notwendig, dass alle Beteiligten im Rückholungsprozess sich ganz klar hinter das gemeinsame Ziel der Rückholung stellen, forderte Landrat Jörg Röhmann in seiner Eröffnungsrede. Er forderte klare Bekenntnisse des Bundesumweltministers, des Niedersächsischen Umweltministers, aller Mitarbeiter in den Ministerien sowie den Rückhalt der Bevölkerung. „Wir sind eine Verantwortungsgemeinschaft und müssen als solche die Bereitschaft zeigen Risiken einzugehen, um unser Ziel zu erreichen“, plädierte der Landrat.

Dirk Laske, Fachgebietsleiter Asse-Stilllegung beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), stellte Kriterien zur Bewertung der Faktenerhebung vor. Darunter auch die Kriterien, die zum Abbruch der Rückholung führen würden. Ob es nicht zu viele derartiger Abbruchkriterien gäbe, war eine Frage aus dem Publikum – die Empörung über einen möglichen Abbruch der Rückholung war im Saal deutlich zu spüren. Es gäbe jedoch drei unumgängliche Kriterien, die zum Abbruch führten, betonte Laske. Darunter das Kriterium Strahlenschutz. Besonders heiß diskutiert wurde die Gesamtdosis, der sich die Asse-Mitarbeiter bei einer Rückholung aussetzen würden. Bei 5 Sievert stünde für das BfS die obere Grenze. Wieso ausgerechnet diese Zahl ausschlaggebend sei, fragten sich viele der anwesenden Bürger. Tobias Darge, Vertreter des BUND, fragte nach: „Bei anderen Atomanlagenrückbauten werden stellenweise 80 Sievert als Gesamtdosis in kauf genommen. Wieso bei der Asse nur 5?“ Außerdem müsse die Gesamtdosis, der die Beschäftigten im Bergwerk ausgesetzt sind, mit der Gesamtdosis für die Bevölkerung, wenn es nicht zur Rückholung kommt, abgewogen werden, erklärte Wolfgang Neumann, Experte der Asse-2-Begleitgruppe.

„Es schockiert mich, dass die Machbarkeit plötzlich in Frage steht“, brachte Michael Fuder, Vertreter des Asse-2-Koordinationskreises, seine Sorge um aktuelle Begrifflichkeiten zum Ausdruck. Der Experte Ralf Erhard Krupp bestätigte: „Die Bergung ist technische möglich!“ Die einzigen Hindernisse seien administrativer Art. Regina Bollmeier, Bürgermeisterin der Samtgemeinde Asse, gab zu, dass es momentan schwierig sei optimistisch zu sein. Sie gab die Sorgen der Bürger in der Samtgemeinde wieder. Viele fragten sich, was sie zu erwarten hätten, wenn der Müll im Berg bleibt. „Dass es so lange dauert, ist für mich nicht nachvollziehbar“, erklärt Bollmeier. Bei den Bürgern bemerke sie das Gefühl, dass die Zeit für die Rückholung davon rennt. „Wir müssen Wege finden, um das Genehmigungsverfahren zu beschleunigen“, stimmte ihr Björn Försterling zu. Der FDP-Landtagsabgeordnete  forderte die „Lex Asse“. Diese müsse von allen getragen werden.

Dass die Anbohrung bisher aufgrund der scheiternden Genehmigungsverfahren nicht stattfand, sorgte auch für Unverständnis im Publikum. Wäre es nicht sinnvoll mit kleinen Schritten anzufangen, beispielsweise das harauszuholen, was jetzt bereits bekannt sei, fragte ein Bürger. Michael Siemann, Fachbereichsleiter im BfS, antworte darauf, dass es noch keine Kenntnisse über den Inhalt der einzelnen Kammern gäbe. Sobald diese da seien, würde aber so vorgegangen werden, dass unmittelbar so viel wie möglich herausgeholt wird. „Die Rückholung kann gelingen, wenn wir das Verfahren modifizieren und alle bereit sind, bei der Bewertung potenzieller Risiken zur praktischen Vernunft zurückzukommen“, erklärte Siemann.

Nach teilweise kämpferisch vorgetragenen Fragen, brachte Röhmann zum Ende der Veranstaltung noch einmal Ruhe in die Debatte. „Wir müssen mit den bisherigen Mitteln – Sachlichkeit und Engagement – weiterarbeiten.“ Er habe gemerkt, dass die Andeutung, die Rückholung könnte abgebrochen werden, für Empörung sorge. Man müsse aber auch an die Beschäftigten im Asse-Bergwerk denken, die während des Vorgangs der Strahlung ausgesetzt sind. Der Landrat nahm auch die Betreiber in die Pflicht. Mit Blick auf Kammer 12 sagte Röhmann: „Wer die Lauge vor der Kammer nicht entsorgen kann, der wird es auch nicht schaffen die Fässer herauszuholen!“ Zum Abbruch des Projekts Rückholung sagte Röhmann: „Es wird abgebrochen, wenn diese Bevölkerung sagt, dass abgebrochen wird!“

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